Leseprobe aus: 

Die Hüterin des Schattenbergs

Der Roman erscheint im März 2012 im cbj -Verlag

Corneus saß beim Morgenmahl, als es klopfte. 
Er hatte unruhig geschlafen und war schlechter Laune. Das Letzte, wonach ihm der Sinn stand, war Besuch. So ließ er sich Zeit, die Wartenden herein zu bitten. Während er mit den Fingern Beeren von einer Rebe pflückte und sie zusammen mit Häppchen gebratener Taubenbrust verspeiste, wanderte sein Blick zu dem Bild in verblichenen Farben, das jede nach Osten gerichtete Wand in der Feste der Magier zierte. Es zeigte einen Mann mit schlohweißem Haar und ebensolchem Bart, der ihm zulächelte wie ein Vater seinem Sohn. Orekh, der größte Magier aller Zeiten, war auch acht Generationen nach seinem Dahinscheiden noch überall präsent.

Zu präsent, wie Corneus fand. Er hasste den Kult, der aus dem begnadeten Magier im Laufe der Jahre einen Heiligen gemacht hatte. An Orekhs glorifizierten Taten und Fähigkeiten wurde jeder angehende Meistermagier gemessen. Und keiner hatte dabei auch nur den Hauch einer Chance, jemals aus Orekhs Schatten heraustreten zu können. Andererseits kam selbst Corneus nicht umhin, Orekh, wenn auch zähneknirschend, dankbar zu sein, denn das fürstliche Leben, das die Magier seit Generationen führten, hatten sie nicht zuletzt dem verehrten Meister zu verdanken, der mit seinem Schattenzauber den Grundstein dafür gelegt hatte. Corneus warf Orekhs Abbild einen finsteren Blick zu. Dankbarkeit hin oder her; hätte er darüber zu entscheiden, wären die Bilder des Magiers längst im Feuer zu Asche verbrannt. Dieser Wunsch war fast so alt wie er selbst. Schon in seiner Kindheit, die er als Präparand bei den Magiern verbracht hatte, war es ihm zuwider gewesen, mit den Worten: „Der große Orekh wäre stolz auf dich“, gelobt zu werden. Später dann hatte er sich strikt geweigert, Orekhs Namen in seine Gebete einzubinden und einmal hatte er sogar eine Strafe von zehn Tagen im gefürchteten Dunklen Turm der Feste absitzen müssen, weil er Orekhs Bild in seinem Schlafgemach von der Wand genommen und im hintersten Winkel seiner Kleidertruhe versteckt hatte.

Bevor er vor sieben Sommern von den anderen Ratsmitgliedern zum Meistermagier gewählt wurde, hatte er immer wieder versucht, Orekh von seinem heiligen Thron zu stoßen. Doch vergeblich. Zu groß war die Ehrfurcht der Selketen vor dem Mann, der den blutigen Krieg zwischen den Selemiten und den Ursketen beendet und beiden Völkern den Frieden gebracht hatte. Dir wird das Lachen noch vergehen.“ Corneus verzog die Lippen zu einem siegesgewissen Grinsen. „Ich bin besser als du. Viel besser, auch wenn der Hohe Rat der Magier es nicht wahrhaben will. Diese Narren! Irgendwann werden sie zu mir kommen und mich um Hilfe anflehen. Dann wird mein Bild die Ostwände der Feste zieren.“ Er nickte bedächtig. Irgendwann, das fühlte er tief in sich, würde die Zeit kommen, da sich die Selketen von den tugendreinen Vorbildern der Vergangenheit lösen und in ein neues Zeitalter aufbrechen würden. Ein Zeitalter, dem er seinen Stempel aufdrücken würde. Ein Zeitalter ohne Hüterzirkel und die ständige Bedrohung durch die Schatten im Berg.
Sein halbes Leben lang hatte er für dieses Ziel geforscht und die Voraussetzungen dafür geschaffen. Dann, als er es fast erreicht hatte, hatte der Rat ihm untersagt, seine Magie anzuwenden. Noch ...

Corneus ballte die Fäuste. Er spürte die Wut in seinen Eingeweiden gären. Wut über die Blindheit, mit der die anderen Magier geschlagen waren. Wut über ihre Unfähigkeit, zu erkennen, welche Möglichkeiten sich auftaten, wenn sie seiner Magie vertrauten. Wut über sich selbst, weil er auch als Meistermagier weder die Macht noch den Mut besaß, seine Forschungen fortzuführen.
Mit der Ernennung zum Meistermagier glaubten die anderen, ihn ruhig gestellt zu haben. Aber das war ein Irrtum.
Er würde nicht eher ruhen, bis auch der letzte Schatten aus Selketien vertrieben war. Sein ganzes Leben hatte er diesem Ziel gewidmet. Nur darum hatte er sich zum Schein auf den Handel Überzeugung-gegen-Amt eingelassen. Nur darum hatte er sich vorläufig dem Willen des Rates gebeugt. In Wirklichkeit aber hatte er nichts von dem aufgegeben, was unvollendet in den Kellergewölben der Magierfeste ruhte. Er wartete, auch wenn die Ungeduld nur schwer zu ertragen war und allein die Gewissheit, dass sein Werk jederzeit aus dem aufgezwungenen Schlaf erweckt werden konnte, tröstete ihn.
Bis dahin würde er sich in Geduld üben und das Lächeln ertragen, mit dem Orekh ihn aus dem vergoldeten Rahmen heraus zu beobachten schien. Dieses unerträglich freundliche Lächeln, das ihn jeden Tag aufs Neue verhöhnte.

Corneus warf eine Beere nach dem Bild, die auf Orekhs Wange zerplatzte und einen roten Fleck hinterließ. Es war nicht der erste Fleck auf dem Bild, aber Orekh lächelte so unerschütterlich weiter, wie man es nach einer Demütigung von einem Heiligen erwarten konnte. 
Obwohl ...  Corneus stutzte. Etwas stimmte nicht. Er legte die Beere, die er noch zwischen den Fingern hielt, zurück auf den Teller, stand auf und trat vor das Bild, um es näher zu betrachten.  
Seltsam. Er blinzelte verwirrt. Er hatte das Bild schon  unzählige Male angesehen, ohne dass ihm etwas aufgefallen war. An diesem Morgen jedoch schien sich das Lächeln verändert zu haben; es war, als läge plötzlich ein Schatten darauf. 


Mit freundlicher Genehmigung des cbj-Verlags