|
Die
Hüterin des Schattenbergs Corneus
saß beim Morgenmahl, als es klopfte. Zu präsent, wie Corneus fand. Er hasste den Kult, der aus dem begnadeten Magier im Laufe der Jahre einen Heiligen gemacht hatte. An Orekhs glorifizierten Taten und Fähigkeiten wurde jeder angehende Meistermagier gemessen. Und keiner hatte dabei auch nur den Hauch einer Chance, jemals aus Orekhs Schatten heraustreten zu können. Andererseits kam selbst Corneus nicht umhin, Orekh, wenn auch zähneknirschend, dankbar zu sein, denn das fürstliche Leben, das die Magier seit Generationen führten, hatten sie nicht zuletzt dem verehrten Meister zu verdanken, der mit seinem Schattenzauber den Grundstein dafür gelegt hatte. Corneus warf Orekhs Abbild einen finsteren Blick zu. Dankbarkeit hin oder her; hätte er darüber zu entscheiden, wären die Bilder des Magiers längst im Feuer zu Asche verbrannt. Dieser Wunsch war fast so alt wie er selbst. Schon in seiner Kindheit, die er als Präparand bei den Magiern verbracht hatte, war es ihm zuwider gewesen, mit den Worten: „Der große Orekh wäre stolz auf dich“, gelobt zu werden. Später dann hatte er sich strikt geweigert, Orekhs Namen in seine Gebete einzubinden und einmal hatte er sogar eine Strafe von zehn Tagen im gefürchteten Dunklen Turm der Feste absitzen müssen, weil er Orekhs Bild in seinem Schlafgemach von der Wand genommen und im hintersten Winkel seiner Kleidertruhe versteckt hatte. Bevor
er vor sieben Sommern von den anderen Ratsmitgliedern zum Meistermagier
gewählt wurde, hatte er immer wieder versucht, Orekh von seinem
heiligen Thron zu stoßen. Doch vergeblich. Zu groß war die Ehrfurcht
der Selketen vor dem Mann, der den blutigen Krieg zwischen den Selemiten
und den Ursketen beendet und beiden Völkern den Frieden gebracht hatte.
Dir
wird das Lachen noch vergehen.“ Corneus verzog die Lippen zu einem
siegesgewissen Grinsen. „Ich bin besser als du. Viel besser, auch wenn
der Hohe Rat der Magier es nicht wahrhaben will. Diese Narren!
Irgendwann werden sie zu mir kommen und mich um Hilfe anflehen. Dann
wird mein
Bild die Ostwände der Feste zieren.“ Er nickte bedächtig.
Irgendwann, das fühlte er tief in sich, würde die Zeit kommen, da sich
die Selketen von den tugendreinen Vorbildern der Vergangenheit lösen
und in ein neues Zeitalter aufbrechen würden. Ein Zeitalter, dem er
seinen Stempel aufdrücken würde. Ein Zeitalter ohne Hüterzirkel und
die ständige Bedrohung durch die Schatten im Berg. Corneus
ballte die Fäuste. Er spürte die Wut in seinen Eingeweiden gären. Wut
über die Blindheit, mit der die anderen Magier geschlagen waren. Wut über
ihre Unfähigkeit, zu erkennen, welche Möglichkeiten sich auftaten,
wenn sie seiner Magie vertrauten. Wut über sich selbst, weil er auch
als Meistermagier weder die Macht noch den Mut besaß, seine Forschungen
fortzuführen. Corneus
warf eine Beere nach dem Bild, die auf Orekhs Wange zerplatzte und einen
roten Fleck hinterließ. Es war nicht der erste Fleck auf dem Bild, aber
Orekh lächelte so unerschütterlich weiter, wie man es nach einer Demütigung
von einem Heiligen erwarten konnte.
|